Eine Apothekerin mit zeichnerischem Talent und eine Hundeschulbesitzerin entdecken nach ich weiß nicht wie vielen Jahrzehnten Ethologie, dass Hunde Stress haben könnten. Was für eine Leistung und im übrigen ein Schlag ins das Gesicht aller ernsthaften Ethologen der letzten 80 - 100 Jahre. Vielleicht hätten die Autoren vor Niederschrift ihrer sensationellen Erkenntnisse einmal nachlesen sollen, nicht ob ihre Erkenntnisse, sondern wie oft ihre Erkenntnisse bereits in Worte gefasst wurden und ob ein derart grobskizzierte Neuinszenierung nötig gewesen wäre. Dass z.B. bei den im Buch aufgeführten Stresssymptomen ein potentielle Hundebesitzer Handlungsbedarf sehen könnte, ja bei entsprechender Feinfühligkeit sehen muss, steht doch völlig außer Frage, egal ob das Symptom die überschrift "Stress" trägt oder nicht und dass es auslösende Faktoren gibt, die bewirken, dass ein Hund Umweltreize als unangenehm empfindet und er darauf u.a. körpersprachlich reagiert, soll uns doch nicht wirklich als Durchbruch in der Hund-Mensch-Beziehung verkauft werden.
Grundlage zur Bewertung gestellter Fragen in der im Buch veröffentlichten Umfrage sind sogenannte Stresspunkte. Im übrigen eine Erfindung der beiden Autorinnen und meines Wissens nach an keiner weiteren Stelle der Literatur zum Thema erwähnt. 15 Fragen werden den Teilnehmern der Umfrage gestellt, die sie mit "nie", "selten", "häufiger" oder "oft" beantworten müssen. über ein Punktesystem soll eine Art Durchschnitts-Stress-Wert für die teilnehmenden Hunde ermittelt werden. Die in der Umfrage gestellten Fragen stehen unter der überschrift:" Haben Sie folgende Verhaltensweisen schon mal bei Ihrem Hund beobachtet?" (das "schon mal" ist nicht von mir falsch zitiert, es steht so auch im Buch)
Beispiel aus dem Buch: "Schlechte Konzentration"
Versetzen wir uns einmal in die Lage des Teilnehmers der Umfrage: Wie soll dieser denn einschätzen was nun mit "nie", "selten", "häufiger" oder "oft" gemeint ist und wie soll er diese Begriffe voneinander abgrenzen. Die Beantwortung liegt hier ganz und gar im Ermessen des Teilnehmers und verliert damit jede wissenschaftliche Grundlage. Meines Wissens nach gilt eine Datenerfassungsmethode als signifikant, wenn die Möglichkeit eines Irrtums maximal 5% beträgt. Das ist hier gar nicht nachhaltbar. Damit ist die einzige Grundlage der Umfrage in Frage gestellt.
Das vorgestellte "Anti-Stress-Programm (ASP)" bietet für den Leser keinerlei umsetzbare Anregungen, die Fallbeispiele sind extrem und wirken auf mich konstruiert.
Warum bin ich so verärgert und mach mir die Mühe und schreibe auch noch ausführlich dazu? Hier meine Antwort:
Für knapp 20 Euro muss sich hier der ambitionierte Leser vorführen lassen und kann nichts dagegen unternehmen, wenn er erst einmal dumm genug gewesen ist, solche Bücher zu kaufen.
Denn etwas Grundlegendes, liebe Autorinnen habt ihr bei Eurem Herumdoktern an Euren Stresssymptomen völlig vergessen, im übrigen auch in dem im Buch vorgestellten 2. Fragebogen, der Euch (Zitat von Seite 95:) "ein relativ vollständiges Bild" von den "Lebensumständen" eines zu therapierenden Hundes geben soll:
Die Prägung. Hallo? Ihr hinterfragt die Sozialisationsphase Eurer Probanten nicht. Der Begriff kommt nicht einmal in Eurem Stichwortverzeichnis vor!!!! Der Begriff "Sozialisation" im übrigen auch nicht oder sonst irgendein Begriff aus dieser Richtung. Wer schreibt denn ein Buch über Stress und vergisst an allen wichtigen Stellen zu erwähnen, wie man im wahrsten Wortsinn grundsätzlich, also im Grundsatz Stress für Hunde verhindern kann? Nämlich durch frühes Heranführen und Konfrontation mit u.a. den von Euch geschilderten Umweltreizen.
Ich glaub mir bleibt die Luft weg. Bevor mir hier die Halsschlagadern platzen, hör ich jetzt auf. Nur eins noch, ich schreib demnächst auch ein Buch: "Die Top-ten der verbalen Kommandos für gehörlose Hunde".